Friseur:in werden? Warum ich diesen Beruf heute wieder wählen würde

Ich war neun Jahre alt, als ich wusste, was ich werden will: „Eines Tages möchte ich die Leute hübsch machen.“ Während andere Kinder davon träumten, Astronaut:in zu werden, war mein Weg für mich klar.
Belächelt wurde ich dafür trotzdem. Und meine Eltern waren alles andere als begeistert. Ein Beruf mit wenig Verdienst und harten Arbeitsbedingungen, das wünschten sie sich nicht für mich.
Heute, mehr als 25 Jahre später, kann ich sagen: Ich würde mich wieder genau so entscheiden. Aber ich verstehe auch, warum meine Eltern damals so dachten. Und warum heute so viele gute Friseur:innen den Beruf verlassen.
Die Sorgen meiner Eltern waren nicht unbegründet
Ich will nichts schönreden. Viele Friseur:innen arbeiten Vollzeit und können sich trotzdem den Lebensunterhalt allein kaum leisten. Volle Terminkalender, kaum Pausen, Kund:innen, die ihre ganzen Emotionen mit auf den Stuhl bringen, und wenig Anerkennung dafür, was wir jeden Tag leisten.
Die meisten, die aufhören, tun das nicht, weil sie ihr Handwerk nicht beherrschen. Sie gehen, weil sie sich nicht gesehen fühlen, weil sie erschöpft sind oder weil die Rahmenbedingungen einfach nicht stimmen.
Das ist die eine Seite. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.
Friseur:in sein bedeutet so viel mehr
Wenn ich heute auf meinen Alltag schaue, könnte er abwechslungsreicher kaum sein. Shootings auf Santorin und Mallorca, Hochzeiten von Südtirol bis Salzburg, Fernsehproduktionen, Fotos für die Vogue, Panels auf großen Events und Salonschulungen. Hochzeiten mit großem Budget, bei denen der Champagner mit dem Säbel geköpft wird, genauso wie Trauungen beim Heurigen.
Und dazwischen der Salonalltag mit Kund:innen, die oft seit Jahren zu uns kommen.
Was all das verbindet, sind Emotionen. Kaum ein anderer Beruf ist so nah an Menschen, an ihren wichtigsten Momenten, an ihrem Selbstbild. Eine Braut, die sich im Spiegel sieht und Tränen in den Augen hat. Eine Kundin, die nach einer schweren Zeit wieder lächelt, weil sie sich endlich wieder wie sie selbst fühlt. Solche Momente bleiben im besten Fall ein Leben lang.
Ein Beruf mit vielen Wegen
Friseur:in zu sein heißt nicht, ein Leben lang dasselbe zu tun. Aus diesem Handwerk heraus kann man so viele Richtungen einschlagen:
- Spezialisierung, etwa auf Farbe, Schnitt oder Brautstyling
- Arbeit bei Shootings, Film und Fernsehen
- Bühnen und Shows, national und international
- Ausbildung und Training, als Fachtrainer:in oder in einer eigenen Academy
- Führung, als Salonleitung oder mit dem eigenen Salon
Ich habe selbst vieles davon erlebt. Und ich habe gelernt, dass man nicht alles von Anfang an können muss. Ein Ausbildner sagte mir einmal, Stecken gehöre nicht zu meinen Talenten. Heute verdiene ich einen Großteil meines Umsatzes mit haltbaren Brautstylings.
Und was ist mit KI?
Kaum eine Frage höre ich zurzeit öfter. Meine ehrliche Antwort: KI kann Bilder erzeugen, Ideen liefern und Abläufe erleichtern. Aber sie kann keine Haare schneiden, keine Brautfrisur stecken, die einen ganzen Tag hält, und sie kann keiner Kundin das Gefühl geben, wirklich gesehen zu werden.
Gerade weil vieles digitaler wird, wird das, was wir tun, wertvoller: echte Begegnung, echtes Handwerk, echte Beratung.
Was sich ändern muss, damit gute Leute bleiben
Damit dieser Beruf seine Zukunft behält, müssen wir aber auch etwas verändern. Und zwar auf beiden Seiten.
Für Unternehmer:innen: Richtige Preise sind die Grundlage für faire Löhne. Dazu gehören eine Terminplanung ohne Doppelbuchungen, echte Pausen und eine Führung, die Menschen sieht und nicht nur ihren Umsatz.
Für Angestellte: Sag mit Stolz: „Ich bin Friseur:in.“ Sprich an, was dich belastet, bevor du innerlich kündigst. Und investiere in dich, fachlich und mental. Du bist mehr wert, als dir der Alltag manchmal vermittelt.
Mein Rat an alle, die zweifeln
An junge Menschen, die überlegen, Friseur:in zu werden, und an ihre Eltern: Schaut genau hin, wo die Ausbildung stattfindet. Ein guter Ausbildungsbetrieb macht den entscheidenden Unterschied.
Und an alle, die gerade ans Aufhören denken: Vielleicht ist es nicht der Beruf, der nicht mehr passt, sondern das Umfeld. Bevor du alles hinwirfst, frag dich, was du wirklich brauchst, um wieder mit Freude hinter dem Stuhl zu stehen.
„Der Traum der Neunjährigen, die Menschen hübsch machen wollte, ist Wirklichkeit geworden. Und er ist größer geworden, als ich es mir damals hätte vorstellen können.“
Checkliste: Ist es der Beruf oder das Umfeld?
- Macht mir die Arbeit an sich noch Freude, wenn ich an meine schönsten Momente denke?
- Fühle ich mich in meinem Team gesehen und wertgeschätzt?
- Habe ich genug Zeit für meine Kund:innen und echte Pausen?
- Werde ich fair bezahlt für das, was ich leiste?
- Gibt es einen Bereich, der mich besonders reizt, etwa Braut, Farbe, Training oder Shootings?
- Habe ich mit jemandem offen darüber gesprochen, was mich belastet?

